„… Ich weiß nur nicht, wie schlimm ich das einordnen kann. Als ich im Krankenhaus aufstehen durfte, lief ich mit meinem Pinkelbeutel in der Hand durch die Flure. Ich bekam in dem Bett langsam Rücken und brauchte Bewegung. Da sah ich einen, mit dem ich auf der Polizeischule war. Er lief an mir vorbei und beachtete mich überhaupt nicht. Ich war mir aber sicher, dass er mich auch noch kennt. Er war dann schnell an mir vorbei und vor mir. Mir fiel ganz schnell sein Name wieder ein. Ich rief ihn, doch er reagierte nicht. Dann lief ich so schnell es ging und war nach einiger Zeit bei ihm. Ich wollte ihn zwingen, mich zu erkennen und stellte mich vor ihn. Das war wie in einem bösen Traum. Er musste mich noch kennen. Deshalb sah ich freundlich in sein Gesicht und gab ihm Zeit, seine Erinnerungen abzurufen. Es war nun ganz sicher, er war es, ich war mir mehr als hundertprozentig sicher. Der Mann, der vor mir stand, war mein alter Freund Lutz Multer. Wir waren seit der Polizeischule befreundet, bis wir uns aus den Augen verloren haben. Ich habe noch lange versucht ihn zu kontaktieren, aber immer erfolglos. Jetzt stand er vor mir, sah mich an wie einen Fremden und lief einfach weiter. Er hat mich scheinbar doch nicht erkannt. Vielleicht lag es auch an seiner Kopfverletzung, die deutlich sichtbar war. Er hatte nämlich einen mächtigen Kopfverband.“
Ernst zeigt mit den Händen, wie der Verband um den Kopf gewickelt war. Immer wieder schüttelt er verständnislos den Kopf. Er kann das nicht verstehen und ist sich sicher, seine Freunde und Kollegen können ihm auch nicht helfen. Jetzt regt sich Andreas und fragt interessiert:
„Ernst, lass mich raten. Es war ein kräftiger Mann in deinem Alter und das rechte Ohr war von dem Verband zur Hälfte bedeckt?“
Die Worte unterstreicht er noch, indem er seine Hand ans Ohr hält. Ernst lacht bei der Erwähnung des Verbands und wundert sich über den Zufall. Wie kommt Andreas auf diesen Mann? Er erinnert sich an die Begegnung mit seinem Freund und bestätigt die Beschreibung mit einem kurzen Nicken.
„Ja, genau, so sah der Kopfverband aus. Aber wieso glaubst du, dass wir denselben Mann meinen oder kennst du ihn etwa?“
Andreas sieht nun schon wieder die Ermittlungen. Sie wollten in dieser Runde zwar nicht über die Arbeit sprechen, aber Ernst hat das ja losgetreten. Schnell ergreift Andreas wieder das Wort und klärt seinen Kollegen auf:
„Wir wurden pflichtgemäß vom Chefarzt ins Krankenhaus gerufen, weil ein bewusstloser Mann mit einer Schusswunde eingeliefert wurde. Als der am nächsten Tag aus medizinischer Sicht vernehmungsfähig war, war ich mit Anne dort. Er konnte sich aber an nichts erinnern. Es war zwar nur ein Streifschuss am Kopf, der die Kopfhaut verletzt hat, aber wahrscheinlich nicht ohne Wirkung. Jetzt hat er eine Amnesie. Wir sollen Geduld haben, es kann ein paar Tage dauern oder Wochen, bis er sich wieder erinnert. Gültige Papiere hatte er bei sich. Sein Name …“
Eine weitere Leseprobe:
… „Das sah wirklich sehr komisch, um nicht zu sagen, tollpatschig aus, vor allem bei deiner Größe. Dass du dich so anstellst, hätte ich bei deiner Sportlichkeit nicht gedacht. Die U-Bootleute durften wohl alle nicht so groß sein? … So lasst uns gehen, ich höre irgendwo Musik. Da scheint was los zu sein. “
… Jetzt hört es Ernst auch, das ist Musik, die er sehr gerne hört. Es ist Blasmusik und die Kapelle spielt gerade einen Marsch, der Rosemarie sehr gefällt. Ernst wundert sich, denn sie mag Blasmusik überhaupt nicht. Sie lacht immer, wenn die Musik gespielt wird und spricht etwas abfällig von komischer Dicke-Backen-Musik. Jetzt geht sie aber zielstrebig, im Rhythmus der Musik, zur Konzertmuschel und setzt sich auf eine der Zuschauerbänke. Sie tippt auf die Bank und fordert Ernst und ihre Kinder auf, neben ihr Platz zu nehmen. Ernst schaut zu seiner Frau und ist freudig überrascht. Sie geht mit der Musik mit und schunkelt hin und her. Dabei versucht sie, die Kinder mit einzubeziehen. Denen ist das aber zu blöd, wie beide sagen. Ernst befürchtet, sie wird ihn gleich zum Tanz auffordern. Die Angst war aber umsonst, denn das nächste Lied ist ein historischer Militärmarsch. Begeistert summt und schwingt Rosemarie mit den folgenden gespielten Liedern mit. Sie summt nur, denn die Texte kennt sie nicht. Die Kinder langweilen sich, respektieren aber das Interesse der Eltern sehr gelassen. Als die letzte Zugabe gespielt wurde, ist Rosis Kommentar kurz, aber aussagekräftig.
„Schade, das könnte ich mir öfter anhören.“
Mit einer unmissverständlichen Geste fordert sie dann das Portemonnaie ihres Mannes. Schnell geht sie zur Bühne und kauft dort eine CD der Kapelle. Ernst kann das nicht glauben. Jetzt will seine Frau die für sie immer komische ‚Dicke-Backen-Musik‘ auch zu Hause hören. Gemeinsam verlassen sie den Platz in Richtung ihrer Pension. Die Kinder haben Hunger. Deshalb gehen sie zur Strandstraße mit den vielen Restaurants. Die Frau von Ernst will auch noch in die Buchhandlung, die auf diesem Weg liegt. Ernst fühlt sich richtig wohl, seine Familie ist glücklich. Was kann es Schöneres geben? Plötzlich bleibt er stehen und schaut erstaunt in eine Richtung. Er beobachtet etwas sehr konzentriert. Nach einem kurzen Moment des Überlegens und als er sich sicher ist, läuft er eilig einem Mann nach. Frau und Kinder lässt er zurück. Er lässt sie einfach, ohne Worte zu verlieren, stehen. Als er kurz hinter dem Mann ist, ruft er:
„Herr Sommer, ich habe Sie erkannt, bleiben Sie bitte sofort stehen. Es hat keinen Sinn vor mir wegzulaufen, ich bin von der Polizei und werde Sie überall aufstöbern.“
An der Straßenecke stehen Menschen, die sich gerade ein Eis gekauft haben. Die beobachten die zwei Männer. Vielleicht glauben die auch, das ist ein Theaterstück, denn an dem Platz wird häufig Musik gespielt oder Werbung für eine Veranstaltung gemacht. Das interessiert Ernst und Sommer keinesfalls. Der läuft weiter, von ihm kommt ein kurzer Schulterblick und er sieht die Bedrohung von hinten. Um der zu entkommen wird er schneller. Ernst folgt ihm und als er ihn erreicht hat, fasst er ihn kurz am Arm.
„Es hat keinen Zweck, Herr Sommer, bleiben Sie bitte stehen. Ich habe Sie wiedererkannt.“
Ernst will jetzt zugreifen und Sommer festhalten, aber der dreht sich um und schlägt die Hand weg. Mit hilfesuchenden Blicken zu den Passanten giftet er ihn an.
„Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“
Ernst stellt sich nun direkt vor den Mann. Das wirkt bei seiner Größe und kräftigen Statur augenblicklich sehr bedrohlich. Entsetzt schaut die Frau von Ernst zu und zieht ihre Kinder an sich heran. Vielleicht um sie zu schützen oder von einer möglichen Gefahr fernzuhalten. In so einer erregten, fast aggressiven Verfassung hat sie ihren Mann noch nie gesehen. Der aber versperrt Sommer den Weg, sodass der nicht weitergehen kann. Wütend und verzweifelt schreit der jetzt:
„Lassen Sie mich in Ruhe, sonst …“
